„Eine Pinselspur auf dem Papier, eine Äußerung ohne Absicht, die nur dem eigenen Bedürfnis folgt, bringt den Menschen zu sich selbst zurück.“ — Arno Stern
Kinder lieben es, zu malen. Intuitiv greifen sie zu Stiften und Pinseln und beginnen ihre ganz persönlichen Fantasiewelten zu Papier zu bringen. Für viele Erwachsene wirkt dieses Malen oft wie ein spielerischer Zeitvertreib. Der französische Pädagoge Arno Stern erkannte darin jedoch etwas viel Grundsätzlicheres: eine universelle menschliche Ausdrucksform.

Mit der Entwicklung des sogenannten „Malorts“ schuf er in den 1950er-Jahren erstmals einen Raum, in dem Kinder (aber auch Erwachsene) genau diesem ursprünglichen Impuls folgen können. Ohne Bewertung, ohne Ziel und ohne Leistungsdruck ist hier ausschließlich der kreative Ausdruck Mittel und Zweck zugleich.
Heute gilt der Malort weltweit als einzigartiges pädagogisches Konzept. Auch unser Malort bei den Erfinderkindern in Wattens wurde nach seinen Voragaben konzipiert und hält sich genau an seine Empfehlungen und Regeln.
Die Entdeckung einer universellen Bildsprache
Arno Sterns erster Malort in Paris wurde auch „Le Closlieu“ genannt. Übersetzt bedeutet das so viel wie „geschützter Raum“. Die Wände sind vollständig mit Weichfaserplatten und Packpapier ausgekleidet. In der Mitte befindet sich der sogenannte Palettentisch. Auf diesem stehen Farben und spezielle Pinsel bereit. Beim Betreten des Raumes nehmen sich alle Teilnehmenden ein Blatt Papier, heften dieses irgendwo an die Wand und beginnen das Malspiel.

In diesem geschützten Raum beobachtete Stern über Jahrzehnte hinweg Kinder beim Malen. Dabei stellte er fest, dass unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Umfeld immer wieder ähnliche Formen und Zeichen entstehen: Spiralen, Linien, Kreuze, geschlossene Formen oder wiederkehrende Muster. Diese spontane Bildersprache bezeichnete Stern als „Formulation“ und deutete sie als Ausdruck eines inneren Impulses. Jedes Kind, so Sterns Fazit, trägt diese Fähigkeit des kreativen Ausdrucks in sich.
Um seine Beobachtungen zu überprüfen, reiste Stern zwischen 1966 und 1972 in verschiedene abgelegene Regionen aller Kontinente. Dort ließ er Kinder aus unterschiedlichen Kulturkreisen unter denselben Bedingungen malen. Die Ergebnisse bestätigten seine Hypothese: Überall tauchten dieselben Bildformen auf. Über einen Zeitraum von mehr als 70 Jahren sammelte Stern auf diese Weise rund 700.000 Bilddokumente. Sie belegen die erstaunliche Universalität der ursprünglichen menschlichen Bildersprache.
Ein Raum ohne Bewertung
Der Malort unterscheidet sich grundlegend von klassischen Zeichen- oder Malkursen. Weder gibt es im Malort nämlich vordefinierten Aufgaben noch muss man bestimmten Themen folgen. Es existiert schlicht keine Zielsetzung, die über das persönliche Bedürfnis hinausginge, sich selbst auszudrücken und seine eigene Spur zu ziehen. Niemand schreibt den Kindern vor, was sie malen sollen. Ebenso wenig wird beurteilt, ob ein Bild „gut“ oder „schön“ ist.
Darüber hinaus finden auch keine Gespräche über die Bilder statt. Fragen wie „Was soll das darstellen?“ oder „Warum hast du das so gemalt?“ werden ebenso bewusst vermieden wie ein „Das hast du aber gut gemacht“. Der Grund dafür ist einfach: Sobald ein Bild interpretiert oder bewertet wird, verändert sich die Motivation des Kindes. Statt dem eigenen inneren Impuls zu folgen, beginnt es, Erwartungen zu erfüllen.
Im Malort zählt aber allein der Akt des Malens. Daher werden die Bilder auch nicht ausgestellt oder mit nach Hause genommen. Sie bleiben im Raum, der sie hervorgebracht hat. Diese Haltung kann für Erwachsene zunächst sehr ungewohnt sein, da Eltern gern sehen, was ihre Kinder geleistet haben. Doch genau diese bewusste Abgrenzung schafft die Voraussetzung dafür, dass Kinder frei und ohne äußeren Druck malen und sich selbst kreativ ausdrücken – oder gar finden – können.
Die Rolle der „dienenden Person“
Damit sich dieser Prozess entfalten kann, braucht es klare Rahmenbedingungen. Arno Stern sprach deshalb auch bewusst nicht von Lehrkräften oder Kursleitern, sondern von einer „dienenden Person“. Die Aufgabe dieser Person besteht rein darin, dafür zu sorgen, dass die Bedingungen für das Malspiel erhalten bleiben. Dazu gehören der Raum und die zur Verfügung stehenden Materialien sowie die Atmosphäre.
Diese Rolle verlangt große Aufmerksamkeit und Genauigkeit. Selbst kleine Eingriffe oder Kommentare können den freien Ausdruck von Malenden schon beeinflussen. Aus diesem Grund entwickelte das Institut Arno Stern (eine Einrichtung zur Erforschung und Förderung des Malspiels und des kreativen Ausdrucks) eine detaillierte Kriterienliste für Malorte. Diese umfasst vier zentrale Bereiche: die Art der Kommunikation über den Malort, die Ausbildung der dienenden Person, die Einrichtung des Raumes sowie die Rahmenbedingungen während des Malens.
Nur wenn alle Kriterien gleichzeitig und zur Gänze erfüllt sind, spricht man tatsächlich von einem Malort im Sinne von Arno Stern. Bei den Erfinderkindern achten wir penibel auf die Einhaltung der vier Kriterien, um für alle Malenden auch eine maximal magische Erfahrung der eigenen Kreativität zu gewährleisten.

Dafür verantwortlich ist Maria Eder, die als Ergotherapeutin und Mutter von zwei Kindern viel Erfahrung in der Begleitung von Entwicklungsprozessen mitbringt. Ihr Zugang ist geprägt vom Ansatz, Menschen jenen Raum zu geben, den sie brauchen, um sich frei und ohne Bewertung zu entfalten. Inspiriert von Maria Montessori und Arno Stern versteht Maria Kinder (und auch Erwachsene) als „Baumeister ihrer selbst“: Entwicklung geschieht aus eigener Aktivität heraus und führt zu mehr Selbstvertrauen und innerer Klarheit.
Warum der Malort so kraftvoll ist
Unter den Bedingungen des Malorts entsteht ein besonderer Prozess. Kinder malen ohne jegliche formalen Vorgaben. Sie wählen eine Farbe, nehmen achtsam einen Pinsel und ein Blatt Papier und beginnen mit ihrem ganz persönlichen Malspiel. Dabei folgen sie einzig ihren eigenen inneren Impulsen. über diese intuitive Art des Sich-selbst-Führens über das Von-sich-selbst-geführt-Werden entsteht allmählich eine Form von Spiel, die unbewusst Gefühle oder Erinnerungen sichtbar macht.
Arno Stern beschrieb diesen Zustand folgendermaßen: „Spielen heißt, an etwas glauben, etwas erleben, das den eigenen Bedürfnissen entspricht.“

Nicht nur ein Ort für Kinder
Obwohl sich der Malort an Kinder richtet, steht er grundsätzlich Menschen jeden Alters offen. Schließlich tragen auch Erwachsene die Fähigkeit zur Formulation in sich, viele haben diese nur im Laufe ihres Lebens verlernt. Erwachsene neigen daher stärker dazu, ihre Kreativität zu bewerten oder zu kontrollieren.
Im Malort können sie diese ursprüngliche Ausdrucksform wieder neu für sich entdecken. Deshalb kommen in unserem Malort in Wattens auch Kinder, Eltern, Großeltern und allgemein Interessierte im selben Raum zusammen, um die eigene Spur zu finden.
Die Atmosphäre, die dabei entsteht, ist einzigartig: Aus achtsamer Hingabe entsteht eine ruhige, konzentrierte Welt aus Farben und Linien, die alle und alles umfasst. Frei von den Bewertungen und Einschränkungen des Lebens darf hier jeder ganz bei sich und ganz er oder sie selbst sein.
Entdecke jetzt deine eigene Spur in unserem Malort
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Quellen und weiterführende Informationen
Erfinderkinder: Der Malort
Hutterer, Bettina: Die Bedeutung der Kunst für den Menschen. Berlin / Heidelberg: Springer, 2025.
Institut Arno Stern: www.arnostern.com
Stern, Arno: Das Malspiel und die natürliche Spur: Malort, Malspiel und die Formulation. Drachen Verlag, Klein Jasedow 2005 (Neuauflage 2012).
Stern, Arno: Das Malspiel und die Kunst des Dienens. Die Wiederbelebung des Spontanen. Klein Jasedow: Drachen Verlag, 2016.